No risk - no fun

„Risikomanagement ist wichtig, aber operative Themen haben Vorrang", so lautet die zentrale Aussage einer Studie – Einsatz des Risikomanagements im Großhandel für Industriebedarf –, die Buchalik Brömmekamp zusammen mit dem Verband Technischer Handel (VTH) durchgeführt hat. Die vorausschauenden Instrumente der Unternehmenssteuerung werden im Geschäftsalltag nachrangig behandelt, dabei zeigt die der Studie zugrundeliegende Umfrage einen erstaunlichen Zusammenhang: Wer beim Risikomanagement nicht gut aufgestellt ist, erzielt bei der Umsatzrendite unterdurchschnittliche Werte.

Die Bewältigung von Unsicherheiten gehört zu den Hauptaufgaben der Unternehmensführung. Doch vielfach werden Maßnahmen zur Risikovermeidung nach wie vor aus dem Bauch heraus entschieden. Eine systematische Ermittlung, Analyse, Bewertung und Maßnahmenentwicklung, wie das Risikomanagement es vorsieht, ist nur in wenigen mittelständischen Unternehmen vorhanden. „Risikomanagement ist zu personalaufwendig", „das ist etwas für die Großunternehmen" oder „trotz Risikomanagement konnte die Wirtschaftskrise nicht vorhergesehen werden" heißen die Vorurteile bei einer Einführung.

Doch bieten solche Systeme wirklich keinen Mehrwert? 84 Technische Händler hatten an der Onlinestudie teilgenommen und einen Einblick in ihre präventiven Maßnahmen zur Unternehmenssteuerung gegeben.

Risikomanagement ist Chefsache

Das Positive vorweg: 70 Prozent der Beteiligten messen dem Risikomanagement eine wichtige Bedeutung bei. Der hohe Stellenwert kommt darüber hinaus dadurch zum Ausdruck, dass das Risikomanagement bei 72 Prozent direkt in der Geschäftsführung oder einer Stabstelle angesiedelt ist. Das bietet gute Voraussetzungen, um das Risikomanagement und die Unternehmensplanung eng zu verzahnen.

Durchaus selbstkritisch sehen lediglich 38 Prozent ihr Unternehmen beim Risikomanagement als zumindest gut aufgestellt. Zugleich wird deutlich, dass die meisten Teilnehmer das Management nicht effektiv und im Sinne der Risikovermeidung nutzen.
Sie reagieren häufig erst, wenn Fehler aufgetreten sind und betreiben damit klassisches Krisenmanagement. Doch auch hierbei verhalten sich die Unternehmen eher zurückhaltend. Kennzahlen zur Qualität und zur Liefertreue ermitteln lediglich Kennzahlen zur Qualität und zur Liefertreue ermitteln lediglich 53 Prozent, auf ein systematisches Reklamationsmanagement zur Erkennung von Produkthaftungsfällen bauen immerhin 58 Prozent der Unternehmen, aber nur knapp die Hälfte (47 Prozent) dokumentiert die Erfahrungen aus eingetretenen Risiken.

Instrumente sind vergangenheitsbezogen

Sich ändernde Rahmenbedingungen, wie etwa die Kundenstruktur, Einkaufspreise oder neue Wettbewerbsprodukte, werden von den meisten Unternehmen oft nicht vorausschauend erkannt, weil die dazu notwendigen Analyse-Instrumente fehlen. Gerade einmal 38 Prozent haben Frühindikatoren entwickelt, 22 Prozent führen SWOT-Analysen durch und lediglich jedes zehnte Unternehmen nutzt Strategieinstrumente wie die Balanced Scorecard.

Darüber hinaus dürften sich die meisten Unternehmen vieler ihrer Risiken kaum bewusst sein: fast 20 Prozent berichten nur einmal jährlich über die Risiken und 40 Prozent verzichten gänzlich auf eine Berichterstattung. Damit kann eine sinnvolle Verknüpfung von Instrumenten, Prozessen und Maßnahmen nicht vollzogen werden.

Deutlich wird die daraus resultierende Ungewissheit in der aktuellen Konjunkturumfrage des VTH, die die Mitgliedsunternehmen nach den Geschäftserwartungen befragt. So lag das durchschnittliche Umsatzwachstum im Jahr 2012 um 50 Prozent niedriger als von den Unternehmen ein Jahr zuvor prognostiziert.

Die Einkaufspreise stiegen dagegen um 40 Prozent höher an als erwartet. In einem Markt mit einer durchschnittlichen Umsatzrendite von weniger als drei Prozent können solche Fehlprognosen für manchen Technischen Händler existenzbedrohend sein.

Risikomanagement unterstützt Rating

Viele Unternehmen wissen nicht oder nehmen angesichts einer guten Eigenkapitalquote billigend in Kauf, dass sich ein fehlendes Risikomanagement beispielsweise bei einer Kreditaufnahme als Nachteil erweisen kann.

Kreditgeber verfeinern immer mehr ihre Analysemethoden, um das Ausfallrisiko ihrer Schuldner einzuschätzen. Laut VTH-Konjunkturumfrage wollen 57 Prozent der Mitgliedsunternehmen in diesem Jahr in eine neue EDV, die Erweiterung des Maschinenparks oder betriebliche Gebäude investieren. Ein systematisiertes Risikomanagement kann den kritischen Fragen der Geldgeber, die über die Ertrags-, Finanz- und Bilanzkennzahlen hinausgehen, argumentativ entgegenwirken und Bonitätseinstufung sowie Kreditverzinsung positiv beeinflussen.

Nachholbedarf bei Investitionsrechnung

Während Aktiengesellschaften durch das Aktiengesetz (§91 Abs. 2 AktG) zu einer Risikofrüherkennung verpflichtet sind, besteht für andere Kapitalgesellschaften keine ausdrückliche gesetzliche Regelung. Jedoch lassen sich je nach individueller Risikosituation oder auch in Krisensituationen für diese Gesellschaftsformen Sorgfaltspflichten im Rahmen eines Risikomanagements ableiten. Im Technischen Handel verlässt man sich immer noch sehr stark auf das unternehmerische Gespür und pragmatische Hilfsmittel. Ein Beispiel ist die Investitionsrechnung: 30 Prozent nutzen als einzige Berechnungsmethode das statische Verfahren. Die Hälfte davon sichert dieses Verfahren später wenigstens mit einer Überprüfung der Prämissen für die Investitionsentscheidung (Nachkalkulation) ab. Einen durch Transparenz und Ausbaufähigkeit geprägten vollständigen Finanzplan (VOFI) ermitteln immerhin 34 Prozent der Studienteilnehmer. Erfahrungen aus getätigten Investitionen werden dagegen kaum genutzt. Die eingesetzten Instrumente zeigen, dass viele Unternehmen Nachholbedarf in Sachen Investitionsrechnung haben, da es qualitativ höherwertige Verfahren zur Berechnung von Investitionsentscheidungen gibt. Zu den dynamischen Verfahren der Investitionsrechnung zählen unter anderem die Kapitalwertmethode und die Methode des internen Zinsfußes.

Im Sichtflug unterwegs

Beim Risikomanagement geht es um die Identifikation, Steuerung und Berücksichtigung von Risiken, die das Unternehmensergebnis negativ beeinflussen können. Damit besteht ein direkter Zusammenhang zur Unternehmenssteuerung. In der Studie zeigt sich jedoch, dass Risiken in der mittelständischen Unternehmensplanung noch zu wenig Berücksichtigung finden, denn jedes siebte Unternehmen verzichtet vollkommen auf die Einbeziehung von Risiken. Immerhin erstellt jedes dritte Unternehmen eine Planversion mit best-, real- und worst-Szenario, 26 Prozent bewerten Chancen und Risiken in Listenform und ebenso viele Unternehmen führen Sensitivitätsanalysen (Veränderung von Prämissen wie Umsatz oder Materialeinsatzquote) durch. An die Durchführung von Stresstests wagen sich gerade einmal sechs Prozent.

Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Einsatz der Controlling- Instrumente zur Unternehmenssteuerung: Hauptsächlich werden Standardmethoden wie Deckungsbeitragsrechnung (67 Prozent), mittelfristige Liquiditätsplanung (61 Prozent), GuV-Planung (57 Prozent), Vorkalkulation (49 Prozent) und Bilanzplanung (45 Prozent) eingesetzt. Bei den Instrumenten im Berichtswesen sind Frühwarnsysteme und Maßnahmenmanagement nur gering ausgeprägt: Ist-Ergebnis-Vergleich mit dem Vorjahr (81 Prozent) oder mit den Planwerten (60 Prozent) stehen vor dem Kennzahleneinsatz (54 Prozent). Forecast-Ermittlung und Statusberichte über in der Planung berücksichtigte Maßnahmen erstellen 43 Prozent bzw. 29 Prozent.

Thomas Vierhaus
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied VTH Verband Technischer Handel e.V.

Bozidar Radner
Geschäftsführender Gesellschafter der Buchalik Brömmekamp Unternehmensberatung GmbH