Zwangsweiser Sanierungsbeitrag von Vermietern und Leasinggebern im Insolvenzantragsverfahren

Im Insolvenzeröffnungsverfahren kann das Insolvenzgericht gemäß 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO anordnen, dass Gegenstände, die im Falle der Eröffnung des Verfahrens von § 166 InsO erfasst würden oder deren Aussonderung im Falle der Eröffnung des Verfahrens verlangt werden könnte,  vom Gläubiger nicht verwertet oder eingezogen werden dürfen und dass solche Gegenstände zur Fortführung des Unternehmens des Schuldners eingesetzt werden können, soweit sie hierfür von erheblicher Bedeutung sind. Zu den betroffenen Aussonderungsberechtigten gehören vor allem Leasinggeber und Vermieter. 

Ziel der Anordnung einer Sicherungsmaßnahme nach § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO ist es, im Insolvenzeröffnungsverfahren zu vermeiden, dass der Geschäftsbetrieb nicht fortgeführt werden kann, weil die Gläubiger dem Schuldner wichtige Betriebsmittel aufgrund ihrer Aussonderungsrechte entziehen. Das Recht zur Geltendmachung der Aussonderung des Leasinggebers hängt nicht davon ab, ob der Leasingvertrag beendet worden ist oder fortbesteht. Wurde der Vertrag beendet, kann der Gegenstand bei Vertragsbeendigung auf Grund des Leasingvertrags und kraft Volleigentums gemäß § 47 Satz 2 InsO i.V.m. § 985 BGB ausgesondert werden. Bei Fortbestehen des Leasingvertrags hat der Leasingnehmer hingegen ein Recht zum Besitz und das Aussonderungsrecht ist nur auf Feststellung des Eigentums gerichtet. Eine Anordnung gemäß § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO kann unabhängig davon ergehen, ob die Aussonderung im Falle der Verfahrenseröffnung auf Herausgabe oder nur auf Feststellung des Eigentums gerichtet wäre. Sie setzt keine Beendigung eines Besitz- oder Nutzungsrechts des Schuldners voraus.

Unentgeltliche Nutzung durch den Schuldner

Die Gläubiger können weiterhin die ursprünglich vertraglich vereinbarte oder gesetzlich vorgesehene Gegenleistung für die Nutzung beanspruchen. Dieser Anspruch ist aber lediglich eine Insolvenzforderung, die der vorläufige Insolvenzverwalter oder der eigenverwaltende Schuldner im Insolvenzeröffnungsverfahren nicht erfüllen muss. Der BGH hat sich mit dieser Frage für den Fall der Miete befasst (BGH, Urt. v. 03.12.2009 – IX ZR 7/09). Im entschiedenen Fall forderte ein Vermieter von Baumaschinen die Mietgegenstände nach Kündigung des Mietvertrages vom vorläufigen Insolvenzverwalter zurück. Dieser erwirkte daraufhin eine Anordnung nach § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO und bot als Kompensation lediglich einen Wertverlustausgleich an. Die auf weitergehende Zahlung gerichtete Klage hatte keinen Erfolg.

Nach Auffassung des BGH hatte der Vermieter zwar schuldrechtliche Nutzungsentschädigungsansprüche aus § 546a BGB, die aber nur eine einfache Insolvenzforderungen darstellen. Aus der Masse könne der Vermieter eine Nutzungsausfallentschädigung gemäß § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 Satz 1 HS. 2 i.V.m. § 169 Satz 2 InsO erst nach Ablauf von drei Monaten nach erfolgter Sicherungsanordnung beanspruchen.

Wie der Vermieter ist auch der Leasinggeber Aussonderungsberechtigter im Sinne von § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO. Die Ausführungen des BGH zu den Ansprüchen des Vermieters sind daher ohne Weiteres auf die Ansprüche des Leasinggebers übertragbar. Für das Operating-Leasing, welches wie die Miete auf die befristete Überlassung eines Gegenstandes gerichtet ist, ist anerkannt, dass es als Mietvertrag im Sinne der §§ 535 ff. BGB anzusehen ist. Der BGH hält im Rahmen des Finanzierungsleasings jedenfalls § 546a Abs. 1 BGB für anwendbar. Durch eine Anordnung nach § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO wird diesem Anspruch auch nicht die Grundlage entzogen. Erst im Fall der längeren, über drei Monate hinausgehenden Vorenthaltung sind in § 169 Sätze 2 und 3 InsO Zinszahlungspflichten vorgesehen. Einen finanziellen Ausgleich für den Zeitraum davor sieht der Gesetzgeber nicht vor. Damit kann der vorläufige Insolvenzverwalter oder der eigenverwaltende Schuldner im Insolvenzeröffnungsverfahren die unter § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO fallenden Gegenstände für die Dauer von drei Monaten ohne Gegenleistung nutzen.

Gegen die Erstreckung des Verwertungsverbotes auf aussonderungsberechtigte Gläubiger werden zum Teil verfassungsrechtliche Bedenken erhoben. Teilweise wird sogar die Gefahr einer Enteignung der aussonderungsberechtigten Gläubiger gesehen. Begründet wird das insbesondere mit der Besorgnis, dass z.B. dem Vermieter oder auch dem Leasinggeber laufende Einnahmen entgehen, wenn er gezwungen ist, den Miet- oder Leasinggegenstand auch während des Eröffnungsverfahrens dem Schuldner bzw. vorläufigen Insolvenzverwalter im Rahmen einer Betriebsfortführung zu überlassen. In der Rechtsprechung hat dieser Einwand jedoch kein Gehör gefunden.

Gesichert wird der aussonderungsberechtigte Gläubiger, dem die Aussonderung untersagt wird, bezüglich seines Nutzungsentgeltanspruches nur bei einer Anordnung eines allgemeinen Verfügungsverbotes (sog. „starke“ vorläufige Insolvenzverwaltung). Denn in diesem Fall begründet die Nutzung des der Aussonderung unterliegenden Vermögensgegenstandes einen Masseschuldanspruch gemäß § 55 Abs. 2 InsO in Höhe der vertraglich vereinbarten oder gesetzlich geschuldeten Gegenleistung.

Diese Rechtsfolge trifft auch den eigenverwaltenden Schuldner im Schutzschirmverfahren über die Verweisung in § 270b Abs. 3 Satz 2 auf § 55 Abs. 2 InsO, sofern das Gericht auf Antrag des Schuldners anordnet, dass der Schuldner Masseverbindlichkeiten begründet. Für das vorläufige Eigenverwaltungsverfahren nach § 270a InsO fehlt hingegen eine entsprechende Verweisungsnorm, sodass hier per se keine Entgelte zu zahlen sind.

Ausgleich des Wertverlustes und Entgelt

Die Vorschrift des § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO verweist auch bezüglich der aussonderungsberechtigten Gläubiger auf die Vorschrift des § 169 Sätze 2 und 3 InsO, der die Zahlung von Zinsen und den Ersatz für einen eingetretenen Wertverlust vorsieht. Tritt durch die Nutzung der Sache ein Wertverlust ein, ist dieser zu ersetzen, auch wenn er erst innerhalb der ersten drei Monate nach Anordnung der Sicherungsmaßnahme eintritt.

Die vertraglich vereinbarte Miete oder die Leasingrate sind aber kein Wertverlust im Sinne des § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO. Während die Miete die Gegenleistung für die Überlassung einer Sache auf Zeit darstellt, dient der Ersatzanspruch der Kompensation einer Beeinträchtigung der Substanz der Sache. Im Falle eines Mietverhältnisses tritt neben der Verpflichtung des Mieters zur Zahlung der Miete ein eigenständiger Schadensersatzanspruch nur soweit, als der Mieter die Mietsache über das gewöhnliche bzw. vertraglich vereinbarte Maß hinaus nutzt.

Der BGH hat insoweit entschieden, dass entsprechend dem Wortlaut der Vorschrift jeder durch die Nutzung entstandene Wertverlust (etwa auch durch vertragsgemäßen Gebrauch) durch Zahlungen auszugleichen ist (BGH Urt. v. 08.03.2012 – IX ZR 78/11). Der Wertverlust muss darüber hinaus zu einer Beeinträchtigung der Sicherung des Gläubigers führen. Im Fall der Übersicherung des Gläubigers ist ein Ausgleichsanspruch deshalb ausgeschlossen. 

Kündigungsrechte bleiben bestehen

Die jeweiligen vertraglichen und gesetzlichen Kündigungsmöglichkeiten des Vermieters oder Leasinggebers werden durch den Beschluss nach § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 InsO nicht berührt. Auch das Kündigungsverbot aus § 112 InsO bei Verzug des Mieters vor Antragstellung oder wegen Verschlechterung der Vermögensverhältnisse des Schuldners hilft nicht weiter, wenn die Mietsache nach Eröffnung unentgeltlich genutzt wird.
Um keine Kündigung zu provozieren und den Geschäftsbetrieb nicht zu gefährden, ist es in den meisten Fällen gerechtfertigt, die vertraglich geschuldete Miete oder die Leasingraten zu zahlen, wenn die Sache längerfristig benötigt wird - auch wenn dies zu einer Bevorzugung der Leasinggeber und Vermieter führt.

Die Insolvenzordnung selbst kennt solche Einschränkungen des Gleichbehandlungsgrundsatzes (z.B. § 39, §§ 94 ff., §§ 222 ff. InsO). Auch der BGH hat beispielsweise im Zusammenhang mit der Erklärung eines Lastschriftenwiderspruchs einen Verstoß gegen den Gläubigergleichbehandlungsgrundsatz als gerechtfertigt anerkannt, wenn dieser im Interesse der Gläubigergemeinschaft liegt (BGH, Urt. v. 29.11.2007 – IX ZR 30/07). Zu einer übermäßigen Beanspruchung von Vermietern und Leasinggebern wird es daher schon aus praktischen Erwägungen nicht kommen.

RA Alfred Kraus, Buchalik Brömmekamp Rechtsanwälte | Steuerberater