Erhöhung der Erfolgswahrscheinlichkeit eines Insolvenzplanes durch Einsatz der Monte-Carlo-Simulation

Die Insolvenzordnung sieht neben einer Liquidation (Zerschlagung) die Befriedigung der Gläubiger durch die Veräußerung von Vermögensgegenständen (wie Kundenstamm, Maschinen, Vorräte u. a.) in der übertragenen Sanierung oder aus den künftigen Einnahmen des Unternehmens (bei Fortbestehen des Rechtsträgers) vor, deren Höhe und zeitliche Abfolge im Insolvenzplan festgelegt wird. Diese Möglichkeiten stehen im Wettbewerb um die für die Gläubiger beste Verwertungsart. Mit Berücksichtigung unsicherer Planannahmen in einer Monte-Carlo-Simulation können die Auswirkungen der Risiken bei der Durchführung des Insolvenzplans aufgezeigt, durch Anpassung der Sanierungsplanung reduziert und damit die Erfolgswahrscheinlichkeit des Insolvenzplanes deutlich gesteigert werden.

Die (integrierte) Planung stellt einen Kernbestandteil des Insolvenzplanes dar. Mit der Planung wird geprüft und (für die Stakeholder) nachgewiesen, inwieweit die Insolvenzplanquote tragbar ist und die Planverbindlichkeiten befriedigt werden können. Das Beispielunternehmen ist durch Fehlinvestitionen in eine schwere Krise geraten und konnte liquiditätsbedingt in 2012 das Umsatzniveau der Vorjahre von 51 bis 54 Mio. € nicht halten. Es hat in 2012 einen deutlichen Verlust erwirtschaftet. Unzureichende Liquidität u.a. für die Beschaffung von Rohstoffen führte Anfang 2013 zur Insolvenzantragsstellung. Die in einer Liquidation leer ausgehenden ungesicherten Gläubiger sollen im Insolvenzplan eine Quote von zehn Prozent erhalten.

Abb. 1: Ergebnisplanung (Werte in T€)Abb. 1: Ergebnisplanung (Werte in T€)

Neben den sukzessiv eintretenden Effekten der vorgesehenen Restrukturierungsmaßnahmen wurden die insolvenzspezifischen Besonderheiten (Insolvenzgeld, Verfahrenskosten, Verzichte u. a.) in der Planung berücksichtigt. In 2014 und 2015 sollen bei einem – aus Vorsichtsgründen – unter dem Niveau von 2009/2010 geplanten Umsatz wieder deutliche Gewinne erwirtschaftet werden (vgl. Abb. 1), im ersten Jahr begünstigt auch durch die Sanierungsgewinne (Verzichte) im a. o. Ergebnis. Die (Insolvenzplan-)Verbindlichkeiten gegenüber den Kreditinstituten sollen in Darlehen umgewandelt und ab Januar 2014 mit monatlichen Raten über 70 T€ bedient werden. Die Lieferanten sollen ab Januar 2014 monatliche Raten über 65 T€ erhalten. Desweiteren sind Auszahlungen an die Gläubiger mit sonstigen Absonderungsrechten (2 Raten je 50 T€ in April und Oktober 2014), an die Kleingläubiger (191 T€ im Mai 2014) und die sonstigen ungesicherten Gläubiger (sechs Raten ab Januar 2014, quartalsweise 144,3 T€) in der Planung enthalten. Es ist vorgesehen, dass mit Ausnahme der Darlehen sämtliche Planverbindlichkeiten Ende 2015 befriedigt sein werden. Aus der saisonalen Entwicklung und der vorgesehenen Befriedigung der Gläubiger ergibt sich die in Abb. 2 enthaltene Liquiditätsplanung für das Unternehmen. Angesichts einer geplanten Liquidität von 531 T€ Anfang 2015 stellt sich für die erfahrensbeteiligten die Frage nach der Tragfähigkeit des Konzeptes.

Abb. 2: Liquiditätsplanung (Werte in T€)Abb. 2: Liquiditätsplanung (Werte in T€)

Einsatz der Monte-Carlo-Simulation

Die oben genannte Planung beinhaltet vorsichtige Schätzungen der Umsatzentwicklung (bei vorhandenem relativ hohem Auftragsbestand), der Kostenansätze und der Effekte der Maßnahmen („konservative“ Planung). Sie betrachtet jedoch nur den einen Fall, in dem die Risiken, also die Möglichkeiten der Schwankungen der relevanten Positionen, mit einer gewählten Ausprägung eintreten. Bei einer solchen „einwertigen“ Betrachtung erfolgt keine klare Darstellung der verschiedenen Unsicherheiten. Die Beurteilung basiert auf einem einzigen Szenario, bei dem die Wahrscheinlichkeit des Erreichens bzw. des Überschreitens der Planwerte nur „durch Bauchgefühl“ eingeschätzt wurde und keine Wahrscheinlichkeitsaussage zur Einhaltung – insbesondere der Planliquidität (als Kennzahl für die Tragfähigkeit des Konzeptes) – getroffen werden kann.

Im Gegensatz dazu ist es durch eine explizite Erfassung der Unsicherheit der Annahmen (durch Nutzung realistischer Bandbreiten statt einzelner Werte) und dem Einsatz von Simulationsverfahren möglich, die Wahrscheinlichkeit des Ausfalls zu bestimmen. Mit der Monte-Carlo-Simulation kann den Stakeholdern (Eigentümer, Banken, Lieferanten, Investoren) die Bewertung des Insolvenzplanes erleichtert und entsprechend den Anforderungen des IDW S6 an Sanierungskonzepte kann auch für den Insolvenzplan eine Aussage zur Erfolgswahrscheinlichkeit getroffen werden.

Beschreibung Monte-Carlo-Simulation

Die Monte-Carlo-Simulation ist eine Weiterentwicklung des einwertigen Financial Models (Cashflow-Modell). Sie ermöglicht die Erfassung von Risiken, beispielsweise durch die Angabe von Mindestwert, wahrscheinlichstem Wert und Maximalwert einer Planungsposition (z. B. Umsatz oder Materialkosten). Ausgehend vom Financial Model und den quantifizierten Risiken kann mittels Simulation eine große repräsentative Anzahl möglicher Zukunftsszenarien der Ertrags- und Liquiditätsentwicklung des Unternehmens bestimmt werden. Die Durchführung der Simulation und die Auswertung der Szenarien der Monte-Carlo-Simulation erfolgte mit der Simulationssoftware „Strategie Navigator“ der FutureValue Group.

Ergebnisse der Monte-Carlo-Simulation auf den Insolvenzplan

Mit Durchführung der Monte-Carlo-Simulation wurden Wahrscheinlichkeitsannahmen (Bandbreiten) für die wesentlichen Positionen und Maßnahmen festgelegt. Die Höhe des wahrgenommenen Grades an Risiko wurde durch die Verwendung von "Konsensbandbreiten“ (Differenz zwischen Mindest- und Höchstwert) berücksichtigt. So wurden für intern gut beeinflussbare Positionen (u. a. für den Personaleinsatz) geringere Bandbreiten verwendet als für geringer/nicht beeinflussbare Positionen (Rohstoffpreisschwankungen). Insbesondere wurde auch beachtet, dass die Planzahlen eher konservativ erstellt wurden, also leicht mehr Chancen (positive Abweichung vom Planwert) als Gefahren (negative Abweichungen vom Planwert) gesehen werden. Mit der Darstellung der Konsensbandbreiten und den Ergebnissen der Monte-Carlo-Simulation erhalten die Gläubiger des Unternehmens eine nachvollziehbare, schlüssige Darstellung der Umsetzbarkeit des Insolvenzplanes. 

Wesentliche Ergebnisse/Kennzahlen der Monte-Carlo-Simulation  waren die in Abb. 3 dargestellte Entwicklung der Liquidität unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeitsannahmen und eine Aussage zur Erfolgswahrscheinlichkeit des Insolvenzplanes, d. h. eine Aussage, dass in 83 Prozent der Fälle bis zum Ende des Planungszeitraumes Ende 2015 eine ausreichende Liquidität zur Verfügung stand, in 17 Prozent der Fälle die Liquidität – ohne weitere Gegensteuerungsmaßnahmen – jedoch nicht ausreichen würde, um alle Zahlungen (u. a. Befriedigung der Planverbindlichkeiten) termingerecht zu leisten.

 

Abb. 3: Entwicklung Liquidität unter Unsicherheit (mit 90 %/95 % -Bandbreite)Abb. 3: Entwicklung Liquidität unter Unsicherheit (mit 90 %/95 % -Bandbreite)

Veränderung des Insolvenzplanes

Es stand jedoch noch die Forderung des Vertreters des Lieferantenpools im Raum, mit der Befriedigung der Planverbindlichkeiten gegenüber den Lieferanten bereits mit Planbestätigung im Juli 2013 zu beginnen. Auf Basis dieser Forderung wurde ein Alternativszenario berechnet. Unter sonst gleichen Bedingungen erhöhte sich die Ausfallwahrscheinlichkeit auf 28 Prozent. Angesichts der Ergebnisse der Monte-Carlo-Simulation konnte ein Insolvenzplan verabschiedet werden, bei dem die Befriedigung der Lieferanten ab September 2013 begonnen wurde. Die Ausfallwahrscheinlichkeit für diese Variante betrug laut Simulation 24 Prozent. In den Insolvenzplan wurde zudem aufgenommen, dass die Zahlung an die Lieferanten um bis zu 260 T€ (=Effekt der Veränderung gegenüber dem ursprünglichen Plan) gestundet wird, wenn das Unternehmen nicht in der Lage sein sollte, die Planverbindlichkeiten zu befriedigen.

Zusätzliche Möglichkeiten

Mit der Monte-Carlo-Simulation können analog zu der beschriebenen Vorgehensweise auch die Auswirkungen einzelner Maßnahmen (u. a. mit Implementierungsaufwand wie Hedging) und Investitionen auf die Erfolgswahrscheinlichkeit des Insolvenzplanes aufgezeigt werden. Dadurch ist es möglich, zu prüfen bzw. die Gläubiger davon zu überzeugen, dass vorgesehene Maßnahmen/Investitionen umgesetzt werden müssen, um das Unternehmen auch operativ zu restrukturieren. Damit erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass das Unternehmen die Planverbindlichkeiten bedienen kann. Desweiteren kann mit der Monte-Carlo-Simulation der Umfang zusätzlicher Mittel (Fresh Money) bestimmt werden, um bei vorgegebener Auszahlungsstruktur eine bestimmte Ausfallwahrscheinlichkeit zu unterschreiten. Diese Aussage kann sowohl für die Gläubiger, für Fremdkapitalgeber (z. B. Leasinggesellschaft) als auch für potenzielle Investoren Basis für ihre Entscheidungen sein.

Ausblick

Durch den Einsatz der Monte-Carlo-Simulation erhielten alle Beteiligten ein genaueres Bild von der Planung und der potenziellen Entwicklung des Unternehmens und der Erfolgswahrscheinlichkeit des Insolvenzplanes. Der Insolvenzplan erhielt – mit dem abgewandelten Mittelabfluss für die Lieferanten – die Zustimmung der Gläubiger. Um die Erfolgswahrscheinlichkeit nicht zu reduzieren, wurde eine Stundungsoption eingefügt. Darüber hinaus können mit der Monte-Carlo-Simulation die Auswirkungen einzelner Maßnahmen und Investitionen sowie der Umfang zusätzlicher Mittel (Fresh Money) aufgezeigt werden. Über die Anforderung des IDW S6 hinaus ist die Anwendung der Monte-Carlo-Simulation auch bei der Entwicklung eines Insolvenzplanes sinnvoll einzusetzen. 

Hartmut Ibershoff, Head of Finance bei der Buchalik Brömmekamp Unternehmensberatung GmbH

Endre Kamaras, Partner der FutureValue Group AG