Sanierung der Wellemöbel-Gruppe unter Insolvenzschutz

Als eines der wenigen Möbelunternehmen produziert Wellemöbel komplett in Deutschland. Da die Gruppe in den letzten Jahren mit Umsatzrückgängen zu kämpfen hatte, welche auch durch die bereits eingeleiteten Sanierungsmaßnahmen nicht kompensiert werden konnten und der zwingend notwendige Restrukturierungsaufwand nicht aus eigener Kraft finanziert werden konnte, wurde Ende November 2014 für vier Gesellschaften der Wellemöbel-Gruppe ein Insolvenzplanverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet.

Die Unternehmensgruppe Wellemöbel ist im Bereich der Herstellung von Kastenmöbeln führend und beliefert Möbelverbände und die großen Möbelhäuser. Ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung wurde für die Wellemöbel GmbH als zentrale Gesellschaft, die die Außenumsätze mit den Kunden erzielte und über die der Vertrieb erfolgte, die Wellemöbel Beteiligungs GmbH & Co KG als Holdinggesellschaft, die Verwaltungstätigkeiten für die Gruppe erbrachte und Hauptmieterin des Verwaltungs- und Produktionsstandortes in Bad Lippspringe war sowie für die MF Bad Lippspringe GmbH, die ausschließlich Halbfertig- und Fertigprodukte an die zentrale Gesellschaft lieferte und damit ausschließlich Innenumsätze erzielte, eingeleitet. Als vierte Gesellschaft war das Logistikunternehmen Howelpa GmbH betroffen, das die gesamte Kommissionierung und Auslieferung an den Möbelhandel durchführte.  

Die Aufstellung der Unternehmen für die Sanierungsverfahren

Im deutschen Recht existiert noch kein Konzerninsolvenzrecht, wobei hierzu bereits ein Gesetzesentwurf vorliegt. Da somit insolvenzrechtlich jedes Verfahren für sich betrachtet wird, musste für jedes der vier Welle-Unternehmen separat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet werden. Zentrales Ziel war es, auch im Rahmen der Sanierungsverfahren die Konzernstruktur zu erhalten. Da innerhalb der betroffenen Wellemöbel-Unternehmen vielfältige Leistungsbeziehungen und damit auch umfangreiche operative und finanzielle Abhängigkeiten bestanden, hätte ein Herauslösen und Trennen auch nur eines der Unternehmen den Fall der ganzen Gruppe bedeutet. Wie bei jedem gut vorbereiteten Eigenverwaltungsverfahren wurde auch das zuständige Insolvenzgericht frühzeitig und eng eingebunden. Alle wesentlichen verfahrensleitenden Schritte wurden mit dem Gericht abgestimmt. Dazu zählte nicht nur die Zusammensetzung der Gläubigerausschüsse, sondern auch die Verständigung mit dem Gericht auf einen personenidentischen Sachwalter für alle vier Gesellschaften. Das vereinfachte den späteren Verfahrensablauf erheblich. Bei drei der vier Gesellschaften ist ein vorläufiger Gläubigerausschuss bestellt worden. Der für jedes einzelne Verfahren gesondert zu bestellende Gläubigerausschuss war im Hinblick auf die teilweise gleiche Gläubigerstruktur weitestgehend personenidentisch.

Die Bundesagentur für Arbeit, die in allen vier Gesellschaften Gläubigerin war, war beispielsweise in allen drei Gläubigerausschüssen vertreten. Sämtliche Sitzungen aller Gläubigerausschüsse fanden in der Regel zeitgleich statt, da die wirtschaftliche und die Liquiditäts- Entwicklung einer Wellemöbel-Gesellschaft gar nicht losgelöst von der Situation der anderen Wellemöbel-Gesellschaft betrachtet werden konnte. Im Hinblick auf den Grundsatz der strikten Trennung der Vermögensmassen wurde jedoch für jede Gesellschaft separat ein Tagesreporting und der Liquiditätsstatus aufgesetzt. Bei den drei operativ tätigen Wellemöbel-Gesellschaften wurden zudem Interimsgeschäftsführer eingesetzt, sodass auf Seiten der Sachwaltung, der Gläubigerausschüsse und der Beratung für alle Wellemöbel-Gesellschaften mit einer Stimme gesprochen wurde und der Erhalt der Konzernstruktur im Rahmen des Sanierungsverfahrens gewährleistet war. Das Gericht ließ es sich nicht nehmen, an einigen Gläubigerausschusssitzungen als Gast teilzunehmen, u. a. um sich vom Sanierungsfortschritt selbst zu überzeugen. Durch die Anwesenheit des zuständigen Richters und Rechtspflegers konnten darüber hinaus alle wichtigen künftigen Schritte  zwischen den Beteiligten anlässlich der Gläubigerausschusssitzungen abgestimmt werden.  

Geordnete Kommunikation mit Einleitung des Sanierungsverfahrens

Eine der wichtigsten Aufgaben in diesem Verfahren war die Organisation einer geordneten Kommunikation unmittelbar nach Einleitung der Sanierungsverfahren. Dies wurde wie folgt durchgeführt: Am Tag der Antragseinreichung und Einleitung des Sanierungsverfahrens durch das Insolvenzgericht Paderborn fand zeitgleich an allen Standorten (Bad Lippspringe, Detmold, Alsfeld und Paderborn) eine Betriebsversammlung statt, in welcher das Personal informiert wurde. Eine Insolvenzgeldvorfinanzierung, die die Zahlung der Gehälter für die nächsten Monate sicherstellte, war bereits zum Zeitpunkt der Antragstellung organisiert. Zwei Stunden nach den Betriebsversammlungen fand eine Pressekonferenz statt, in der die Geschäftsführung, der Sachwalter sowie der Sanierungsgeschäftsführer das Verfahren und die weitere Vorgehensweise erklärten. Auf Seiten der Presse waren sowohl lokale, als auch branchenspezifische Journalisten vertreten. Ebenfalls am selben Tage fand innerhalb aller betroffenen Unternehmen eine mehrstündige Kommunikationsschulung für die Abteilungen des Einkaufs, des Vertriebs und der Buchhaltung statt.

Dort wurde besprochen, welche insolvenzrechtlichen Besonderheiten nunmehr zu beachten seien und wie dies gegenüber Lieferanten und Kunden kommuniziert wird. Die wichtigsten Kunden wurden in Telefongesprächen und persönlichen Besuchen über die Besonderheiten des Verfahrens informiert. Weiterhin fanden auch Treffen mit den wichtigsten Lieferanten statt. Daneben wurden alle Kunden und Lieferanten im Rahmen eines gesonderten Schreibens informiert. Da im Rahmen des Verfahrens ein erheblicher Personalabbau und eine Standortschließung unumgänglich waren, wurden die Betriebsräte sowie die beratende Gewerkschaft IG Metall seit Beginn des Verfahrens ebenfalls eng von der Geschäftsführung und dem Sachwalter informiert und eingebunden. So fand nach jeder Gläubigerausschusssitzung auch eine Informationsveranstaltung der Betriebsräte statt.  

Erstellung des Sanierungskonzeptes und reibungslose Fortsetzung des Geschäftsbetriebes nach Einleitung des Verfahrens

Sofort nach Einleitung des Verfahrens wurde unter enger Einbeziehung der Belegschaft bzw. der einzelnen Abteilungen bei der Wellemöbel-Gruppe mit der Erstellung der Sanierungskonzepte begonnen. Daneben lag ein Schwerpunkt in der Sicherstellung der reibungslosen Fortsetzung des Geschäftsbetriebes. Zur Kontrolle wurde ein Tagesreport installiert, der die Liquiditätssituation, die Umsatzsituation und die Auftragseingänge abbildete. Bei den Auftragseingängen  wurden die Werte mit den Vorjahreswerten abgeglichen. Da die Lieferkette auch mit Einleitung des Verfahrens nicht abbrach, konnte Wellemöbel die Ware weiterhin  ohne zeitliche Verzögerung liefern. Auch dies führte dazu,  dass die Kunden in gewohntem Umfang und teilweise noch  darüber hinaus Aufträge bei Wellemöbel platzierten. Aufgrund der erheblichen wirtschaftlichen und betrieblichen Abhängigkeiten der Wellemöbel-Unternehmen untereinander war die Erstellung der Sanierungskonzepte äußerst komplex und beinhaltete eine Vielzahl entsprechend aufeinander abgestimmter Maßnahmen. Ziel des Konzeptes war die Umsetzung des neuen Leitbildes der Wellemöbel, nachdem sich das Unternehmen auf die Produktion von individuellen Kundenwünschen konzentrieren und sich vom unteren Preissegment weitestgehend verabschieden wird. Zukünftig wird sich der Hersteller für Kastenmöbel stärker auf die bereits vorhandenen Systemmöbel  fokussieren und neue Produkte in diesem Bereich entwickeln. Das rund 400-seitige Konzept beinhaltete folgende wesentliche  Maßnahmen zur nachhaltigen Sanierung der Wellemöbel:  

  • Bereinigung des Leistungsportfolios

Die Analyse des Produktportfolios zeigte, dass rund die Hälfte der Produkte unprofitabel war. Es wurde eine umfangreiche Bereinigung der Verlustbringer sowie eine vertriebliche  Forcierung der Gewinnbringer entschieden. Hierdurch konnte auch die Komplexität deutlich reduziert werden. Ein Segment wurde komplett aufgegeben und konnte sogar veräußert werden, was zusätzliche Liquidität für die Sanierung bedeutete.  

  • Standortschließung Detmold und teilweise Verlagerung des Standortes Detmold nach Bad-Lippspringe und Alsfeld

Das definierte zukünftige Produktportfolio war auch die Basis für die Ausrichtung der zukünftigen Kapazitäten und die Standorte. Durch Anpassung und Straffung der Produktion und Supply Chain konnte eine Konsolidierung der Standorte durchgeführt werden.  

  •  Anpassung Personalstruktur (Abbau von rd. 250 Mitarbeitern)

Das Unternehmen war in seiner Personalkostenstruktur bereits seit längerer Zeit nicht mehr wettbewerbsfähig, Anpassungen konnten aber insbesondere aufgrund der wirtschaftlichen Lage nicht durchgeführt werden. Auf Basis des detaillierten Sanierungskonzeptes, welches auch teilweise umfangreiche Änderungen und Anpassungen in der Aufbau- und Ablauforganisation vorsah, wurden rund 250 Mitarbeiter abgebaut. Dies war ein maßgeblicher Schritt zur Erlangung einer wettbewerbsfähigen Kosten- und Leistungsstruktur.  

  • Investition in neue Produktionsmaschinen 

Um die neue strategische Positionierung hin zu einer höheren Individualisierung der Möbel sowie um Effizienzgewinne in den Abläufen realisieren zu können, waren entsprechende Investitionen in den Maschinenpark notwendig. Das Investitionspaket belief sich auf rund drei Millionen Euro.  

  • Anpassung der Organisationsstruktur 

Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor war die Etablierung einer Organisation, die noch enger am Markt agiert und die Neupositionierung umsetzen kann. Hierzu erfolgte eine Stärkung der vertrieblichen Aktivitäten durch verbesserte Steuerung und der Ausbau der Vertriebsmannschaft. Die kaufmännischen Stützfunktionen wurden weiter zentralisiert, um Synergien zu heben und das Controlling wurde stärker an den Markterfordernissen ausgerichtet. Dieses Konzept, das Mitte März 2015 fertiggestellt werden konnte, fand auch die Zustimmung des vorläufigen Gläubigerausschusses, sodass sofort mit der Umsetzung begonnen wurde.

Sehr frühzeitig wurde aus dem Gläubigerausschuss der Ruf nach einem M&A Prozess laut. Obwohl Beraterseits wegen mangelnder Erfolgsaussichten davon abgeraten wurde, beschloss der Ausschuss, diesen Prozess einzuleiten. Hintergrund waren vor allem die sehr hohen Restrukturierungkosten und der hohe Investitionsaufwand. Keines der vorgelegten Angebote war aber auch nur in Ansätzen zufriedenstellend. Die Angebote liefen zum Teil auf einen negativen Kaufpreis hinaus. Alle Angebote wurden vom Gläubigerausschuss abgelehnt. Ein zusätzlicher Finanzierungsbedarf für das Sanierungskonzept und die notwendigen Investitionen wurde dann von Gesellschafterseite geschlossen. Insbesondere die Sozialplan- und Interessensausgleichverhandlungen (Standortschließung, Kündigung von mehr als 200 Mitarbeitern) mit den Betriebsräten und der Gewerkschaft gestalteten sich erwartungsgemäß als äußerst schwierig. Ende April konnten jedoch diese Vereinbarungen abgeschlossen werden. Nach Sicherstellung der Finanzierung des Sanierungskonzeptes und erfolgreichen Verhandlungen mit den Betriebsräten  konnten die Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung dann Ende April über alle vier Wellemöbel-Gesellschaften  eröffnet werden.   

Weitere Vorgehensweise nach Verfahrenseröffnung

Nach Verfahrenseröffnung Ende April sind die Insolvenzpläne über alle vier Gesellschaften erstellt und mit dem Gläubigerausschuss, dem Insolvenzgericht und dem Sachwalter abgestimmt worden. Bereits Ende Juni fanden die Erörterungs- und Abstimmungstermine über alle vier Gesellschaften statt. Alle Insolvenzpläne wurden mit überwiegender Mehrheit von deutlich mehr als 90 Prozent von den Gläubigern angenommen. Nach gerichtlicher Bestätigung des Plans sind daraufhin sämtliche Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung Ende August 2015 aufgehoben worden. Zwischenzeitlich sind alle Personalmaßnahmen umgesetzt  und das Werk in Detmold geschlossen worden. Das Produktsortiment ist nunmehr bereinigt worden, sodass die Unternehmensgruppe wieder positive Deckungsbeiträge erwirtschaftet. Durch das erfolgreich durchgeführte Insolvenzplanverfahren  in Eigenverwaltung konnte die Wellemöbel-Gruppe durchgreifend  saniert werden. Nach Abschluss der operativen und  finanzwirtschaftlichen Maßnahmen wird die zentrale Gesellschaft  mit einer EBITDA-Rendite von über fünf Prozent und  deutlich reduzierter Fremdverschuldung innerhalb der Gruppe  gut gerüstet in die Zukunft gehen, um auch weiterhin hochwertige  Möbel „Made in Germany“ zu produzieren.     

Dr. Jasper Stahlschmidt, Partner, Buchalik Brömmekamp Rechtsanwälte | Steuerberater