Führt die Digitalisierung zu einer Zukunft ohne Banken?

Das Zeitalter der Digitalisierung führt nicht nur zur sichtbaren Schließung von Bankfilialen im Privatkunden­geschäft, sondern generell zu einer neuen Rolle der Banken. Die stärkste Bedrohung der Renditen durch Digitalisierung besteht momentan im Privatkundengeschäft und Bezahldienstbereich. Das wirft die Frage auf, ob Unternehmensfinanzierungen zukünftig ohne Banken möglich sein werden. Gerade die Bezahldienste, wie PayPal und Co. haben es vorgemacht und die nächste technische Innovation steht schon vor der Tür. Die Blockchain­Techno­ logie ermöglicht transparente Transaktionen ohne zentrale Kontrollinstanz. Die Bank könnte damit eine weitere Daseinsberechtigung verlieren.

Es vergeht kein Tag ohne Meldungen über weitere Schließungen von Bankfilialen. Eine aktuelle Untersuchung der KfW Bank zeigt, dass in den letzten 15 Jahren rund ein Viertel aller Bankfilialen in Deutschland ihre Pforten geschlossen haben. Die Anzahl der Filialen reduzierte sich dabei um 10.200 Standorte. Als Haupttreiber wird dabei die Digitalisierung gesehen. Per Mausklick können Kunden unter zahlreichen Angeboten unterschiedlicher Finanzdienstleister im Internet auswählen und das Privatkreditgeschäft wandert immer mehr in das unpersönliche Internet ab. Da die langjährige Bezie- hung zur Hausbank dem Kunden keine Vorteile mehr bietet, wird der Bankberater vor Ort in weiten Teilen überflüssig.

Die Loslösung hat für die Hausbank erhebliche Folgen: Die Kenntnisse um die Kreditwürdigkeit des Kunden gehen auf der Bankenseite verloren. Hier setzt sich das fort, was spätestens seit der Regulierung durch Basel III im Jahr 2011 auch im Bereich der Unternehmensfinanzierungen zu beobachten ist. Im Zuge der verschärften Eigenkapitalunterlegungen strukturierten die Banken ihr Geschäft neu. Um die notwendigen Zielrenditen zu erreichen, wurde auch im Kunden- geschäft kräftig gespart und Bankberater wurden abgebaut. Unternehmen verlieren damit zunehmend den Draht zu ihrer Hausbank und wenden sich anderen Geldgebern zu.

Weiterer Wettbewerbsdruck entsteht derzeit durch die Bezahldienste, indem sich bereits Systeme ohne Bankbeteili- gungen wie Paypal und Co. etabliert haben. Zudem drängen große Versandhändler in den Markt, die neben dem Kredit- geschäft Daten über die Interessen ihrer Kunden abgreifen können (Datamining). Hinzu kommen Angebote im kurzfristi- gen Bereich der Verbraucherkredite, die zusehends mit in die Geschäftsmodelle der Online-Bezahldienste integriert werden. 

Als neue Angreifer in dieser Domäne sind junge technologiegetriebene Finanzfirmen, die sogenannten „Fintechs“ zu sehen. Sie stecken zwar noch in den Kinderschuhen, blasen aber schon fulminant zum Angriff. Zugegebenermaßen, zum Teil mit Unterstützung von Banken. Einen guten Überblick über die Aktivitäten und Betätigungsfelder von Fintechs in Deutsch- land bietet die Seite „paymentandbanking.com“. Sie zählt mehr als 250 Fintechs. Die Top-Beschäftigungsfelder sind momentan die Themen Sparen (50 aktive Fintechs), Versicherungen (25 aktive Fintechs) und Kredit (24 aktive Fintechs).

Digitalisierung – Bedrohung von Gebühren und Renditen bis zu 25 Prozent

Laut einer internationalen Studie von McKinsey drohen den Banken durch Digitalisierung Margenverluste bis zu 25 Pro- zent. Im Privatkunden-Geschäft ist insbesondere der Bereich Consumer Finance betroffen. In der Eurozone werden hier Margenverluste von rund zehn Prozent, in den USA von rund 14 Prozent und in Japan von 25 Prozent vorhergesagt. Ein nahezu analoges Bild wird für den Bereich Zahlungsabwicklung gezeichnet. Lediglich im Bereich Unternehmensfinanzie- rung werden die Risiken durch die Digitalisierung weltweit als „gering“ eingeordnet. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Vorhersagen nicht in naher Zukunft schlagartig ändern werden. Andererseits arbeiten Banken mittlerweile gemeinsam mit Fintechs und digitalen Unternehmen daran, die Risikobeurteilungen mithilfe von Big Data und Analysen genauer vor- nehmen zu können, um so ihre Umsätze steigern zu können.  

Änderungen des Geschäftsmodells der Banken ist zwingend erforderlich  

Der Rolle der Bank im klassischen Verständnis als Intermediär zur Transformation von Beträgen, Risiken und Fristen zur Kreditversorgung der Realwirtschaft wird diese zusehends weniger gerecht. Laut einer Analyse von Prof. Rainer Lenz (Fachhochschule Bielefeld) entfallen nur 40 Prozent der Bilanzsumme der Banken im Euroraum auf Kredite in der Realwirtschaft und rund ein Viertel auf Kredite im Bankensektor. Das Geld verbleibt somit im monetären Sektor und steht der Realwirtschaft nicht zur Verfügung. Der Grund hierfür wird in der nach der Finanzkrise im Jahr 2008 überbordenden Regulierung im Finanzsektor gesehen. So spricht selbst der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken davon, dass die inkonsistente Finanzmarktregulierung das Wachstum gefährde.

Durch die erhöhte Regulierung wird der Bankensektor regel- gerecht abgeschottet. Zurzeit stellen bereits webbasierte Plattformen für Unternehmenskredite eine echte Alternative zum traditionellen Unternehmenskredit über Banken da. In Großbritannien und den USA verzeichnet diese Möglichkeit der Unternehmensfinanzierung seit Jahren ein bemerkens- wertes Wachstum und arrangierte bereits Kreditvolumen im Milliardenbereich.

Banken müssen, um hieran partizipieren zu können, vermehrt eigene Plattformen gründen. Darin müssen sie ihr Know-how bei Kreditrisiken und Technik, ihre Erfahrungen aus dem Online-Banking sowie den vorhandenen Kunden- stamm einbringen. Sie können so ein eigenes Frontend ohne eigene Risikoposition aufbauen. Das „Peer-to-Peer-Lending“ ist für Anleger und Kreditnehmer über webbasierte Vermittlungsplattformen gleichermaßen lohnend, da die sonst übliche Bankenmarge zwischen Kreditgebern und -nehmern geteilt werden kann. Der Plattformbetreiber erhält lediglich eine Vermittlungsgebühr. Diese Vermittlungsgebühr ist weit- aus niedriger, als die Zinsmarge der Bank, denn hiermit müssen lediglich die Kosten des Betreibens einer Internetplattform zur Vermittlung von Kapital gedeckt werden.

Gerade das Bankengeschäft ist aufgrund der Homogenität des Produktes „Geld“ für die Digitalisierung im höchsten Maße geeignet. Transparenz, Wettbewerb und auch die Mobilität von Kapital wird durch den IT-Einsatz in der Trans- aktionsplattform deutlich steigen. Banken werden daher vermehrt in die Rolle des Zahlungsabwicklers schlüpfen und weniger die Rolle eines Kreditinstitutes bekleiden, da die Kreditrisiken nicht mehr auf das „eigene Buch“ genommen werden. Allerdings bedeutet dies, dass die Anleger mit dem Kauf von Kreditforderungen auch das Ausfallrisiko über- nehmen müssen, da der Kontrahent nicht mehr die Bank, sondern das Unternehmen selbst ist.

Der nächste Schritt: Blockchain – eine Bedrohung für plattformbasierte  Anwendungen

Die ganze Welt redet über die Blockchain und häufig wird sie mit dem Bitcoin gleichgesetzt. Zwar basiert die virtuelle Wäh- rung auf der Basis einer Blockchain-Technologie, ist mit ihr aber mitnichten gleichzusetzen. Zumal Bitcoin in der Yellow Press eher mit Datenzockern in Verbindung gebracht wird, als mit einer Technologie, die (Geld-)Transaktionen für alle sichtbar machen und sicher verwalten können soll. 

Was versteckt sich hinter Blockchain? IT-Experte Jamie Skella vergleicht die verteilte Datenbank mit einem Kassenbuch. Erfolgt zwischen Absender und Empfänger eine Datentransaktion, beispielsweise die Versendung von Geld, dann ent- steht im Kassenbuch eine neue Position. In dieses Kassen- buch können jedoch nicht nur Absender und Empfänger reinschauen, sondern tausende von Computern, auf denen die Kopien des Kassenbuchs gespeichert sind und die die Datentransaktion authentifizieren. Ein einfaches Beispiel: John gibt seiner Freundin Sue 50 Euro. Während der Über- gabe stehen hunderte von Freunden um die beiden herum und sehen die Transaktion. Alle Bekannten sind sich nun einig, dass John seiner Freundin das Geld gab und auch die genaue Menge können sie bezeugen. Wenn sie gefragt werden, können sie den Vorgang bestätigen. Damit ist ein fast fälschungssicheres System geschaffen, das keinen Vermittler oder Zwischenhändler mehr braucht, der die Transaktion bestätigt. 

Diese Technologie soll es Verbrauchern und Unternehmen ermöglichen Geld, Produkte oder Dienstleistungen mithilfe eines digitalen Vertrages auszutauschen, ohne dass es eines zentralen Vermittlers, wie etwa einer Bank, bedarf. Werden damit auch die Geschäftsmodelle von AirBNB, Facebook und Co obsolet? Möglich erscheint dies schon, wenn die block- chainbasierte Schlüsselübergabe in Zukunft nach Angaben einer Unternehmensberatung so abläuft: Einmal an der Woh- nungstür angekommen, überprüft die Sensorik die Daten des Mieters und öffnet diese dann automatisch, und dies gänzlich ohne die Vermittlung über AirBNB-Rechner. Das dies kein Gedankenspiel aus einem Science-Fiction-Drehbuch ist, lässt sich an der Webpage von Goldman Sachs erkennen: Blockchain – The New Technology of Trust.

Martin Rekers, Steuerberater, Buchalik Brömmekamp Rechtsanwaltsgesellschaft mbH