Turnaround by Innovation“ – ein erster Erfahrungsbericht vom Innovationsprozess bei Tetenal Europe

Tetenal Europe gilt als Erfinder der Foto-­Chemie. Das Unternehmen wurde massiv vom technologischen Wandel getroffen. Trotz diverser Restrukturierungsbemühungen in den vergangenen Jahren musste Tetenal Ende September 2018 Insolvenz anmelden. Parallel zum eingeleiteten Verkaufsprozess wurde durch die Grantiro­Initiative ein Geschäftsmodell­-Innovationsprozess gestartet. Als einer von zwölf externen Experten habe ich diesen Prozess mitgestaltet, an dessen Ende zehn konkrete Geschäftsmodell­Ideen standen, die zusätzliche Optionen zum Erhalt des Unternehmens darstellen.

Unter dem Namen Grantiro haben sich 2016 Partner aus Wissenschaft, Innovationsmanagement und Restrukturierung zusammengeschlossen, um Unternehmen und Organisationen zu helfen, sich besonderen wirtschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Grantiro entwickelt – mit bestehenden Mitteln und in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern des Kunden – neue Ideen und Konzepte, um nachhaltige und positive Zukunftsaussichten für Unternehmen zu schaffen. Seit 2017 arbeitet Buchalik Brömmekamp mit Grantiro zusammen, um die Methode „Turnaround by Innovation“ weiter zu etablieren. Gewappnet mit unserem langjährigen Restrukturierungs-Know-how und den Grantiro-Techniken zur Geschäftsmodellentwicklung werden Unternehmen im Wandel zusätzliche Lösungsoptionen zur Wiederherstellung oder Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit angeboten. Im Folgenden möchte ich über einen solchen Innovationsprozess, der im denkbar anspruchsvollsten Umfeld, nämlich im Rahmen eines Insolvenzverfahrens, stattgefunden hat, berichten.

Die Ausgangssituation – ein Unternehmen mit 170 Jahren Industriegeschichte steht vor dem kurzfristigen Aus

Der angeschlagene Pionier der Fotochemie Tetenal aus Norderstedt musste nach vielen Jahren, in denen die gesamte Palette der klassischen Restrukturierungsinstrumente zur Anwendung kam, im September 2018 Insolvenz anmelden. Im Oktober wurde der Kontakt zur Geschäftsführung sowie zum vorläufigen Insolvenzverwalter aufgenommen und der Grantiro-Ansatz erläutert. Um die Chancen zum Erhalt des Unternehmens und der Arbeitsplätze zu erhöhen, stimmten die Geschäftsführung von Tetenal und der vorläufige Insolvenzverwalter der Durchführung des Grantiro-Prozesses zu. Dieser startete Anfang November. Die Ergebnisse des Prozesses mussten Ende Dezember 2018 vorliegen, um im Rahmen der Entscheidungsfindung über das Schicksal der Gesellschaft als Lösungsoption Berücksichtigung zu finden.

Die Prozessbeteiligten – eine intrinsisch motivierte Gruppe ohne gemeinsame Vorgeschichte

Nach einer Information über den geplanten Prozess an alle Mitarbeiter des Unternehmens wurden über 30 Tetenal-Mitarbeiter durch ein empirisch geprüftes, dreistufiges Selektionsverfahren auf ihre Innovationsfähigkeit überprüft. Zwölf von ihnen wurden für den weiteren Innovationsprozess ausgewählt. Ergänzt wurde dieses Team, das aus Mitarbeitern unterschiedlichster Hierarchieebenen und Abteilungen bestand, durch zwölf externe Experten aus verschiedenen Branchen (Chemie, Fotografie, Vertrieb, Futurologen, Start-up-Gründer, etc.). Durch die Auswahl von Prozessbeteiligten mit unvoreingenommener Denkweise und der Kombination dieser Mitarbeiter mit innovationsinteressierten Experten – ohne engen Bezug zum Unternehmen – wurde eine durchweg positive Arbeitsatmosphäre im Rahmen der Workshops geschaffen, die man in klassischen Restrukturierungssituationen selten erlebt. Der Geschäftsführung und dem vorläufigen Insolvenzverwalter, die nicht aktiv an den Workshops teilgenommen haben, ist ein großes Lob dafür zu zollen, dass sie sich auf diese Auswahl eingelassen haben und nicht – wie üblich bei einer Restrukturierung – ein „klassisches Set-up“ aus Führungskräften und Branchenexperten gefordert haben. Gerade durch diese Auswahl wurden die ergebnisoffenen Kreativprozesse ermöglicht und die typischen Denkblockaden („Wie soll so etwas in unserem Unternehmen gehen?“, „Unsere Branche funktioniert aber ganz anders“) minimiert.

Die Methodik – mit geführten Kreativprozessen zum strukturierten Ergebnis

Der Grantiro-Prozess baut auf der an der Universität St. Gallen entwickelten Methode des „Business Model Navigator“ auf. Vor dem ersten Workshop mit dem Experten-Team wurden mithilfe von Befragungen, Ideen-Boxen und anderen Instrumenten weit über hundert Rohideen gesammelt und danach durch das Moderationsteam hinterfragt und aufbereitet. Nachdem sich die ausgewählten Mitarbeiter und Experten bei einem gemeinsamen Abendessen in angenehmer Atmosphäre kennengelernt hatten, begann die intensive, gemeinsame Arbeit. Im ersten Workshop Ende November 2018 wurde die Ausgangslage von Tetenal beschrieben, d. h. die bestehenden Geschäftsmodelle und die wesentlichen externen Einflussfaktoren wurden in gemischten Gruppen aus Mitarbeitern und den externen Experten herausgearbeitet.

Darauf aufbauend wurden erste Rohideen für die Anpassung der Geschäftsmodelle entwickelt. Aus dem gesamten – zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung stehenden – Rohideenpool wurden dann 15 Ideen ausgewählt und mithilfe vorgegebener Formulare strukturiert weiter ausgearbeitet. Das zweite Modul stand unter dem Motto: „von der strukturierten Idee zum verkaufsfähigen Geschäftsmodell“. Mit der Geschäftsmodell-Logik des Business Model Navigators sowie diverser Kreativtechniken wurden am ersten Tag insgesamt ca. 20 Geschäftsmodell-Innovationen entwickelt und strukturiert beschrieben. 

Anschließend wurde ein weiteres besonderes Element des Innovationsprozesses genutzt. Dazu wurden weitere Mitarbeiter in die Gruppe integriert, die im Rahmen des Auswahlprozesses nicht berücksichtigt wurden. Durch diese Maßnahme fand man weitere Ideen und in deren Folge neue Geschäftsmodell-Innovationen. Im Ergebnis standen über 30 Geschäftsmodell-Ideen zur Verfügung, die anschließend durch die Gruppe nach festgelegten Auswahlkriterien priorisiert wurden. Abgeschlossen wurde der gemeinsame Innovationsprozess durch die Erstellung von Pitch-Präsentationen für die zehn besten Geschäftsmodell-Ideen. Diese sollen die bestehende Struktur von Tetenal weiterentwickeln oder ergänzen. Trotz der Ungewissheit über ihre persönliche Zukunft und der Hektik im Tagesgeschäft haben sich die in den Prozess involvierten Mitarbeiter bereit erklärt, diese zehn Konzepte weiterzuentwickeln, sodass sie für die Investorensuche einsetzbar werden. Hierdurch wurden neue Optionen in einer Krisenphase geschaffen, die gewöhnlich nicht für eine Erneuerung steht.

Fazit – „Turnaround by Innovation“ schafft neue Handlungsoptionen

Die Teilnahme am Innovationsprozess bei Tetenal hat uns bestätigt: Innovationstechniken stiften in existenzgefährdenden Krisen, bei professioneller Vorbereitung und Anwendung, zusätzlichen Nutzen, um aktiv Lösungswege aus der Krise zu entwickeln. Eine notwendige Voraussetzung auf der Unternehmensseite ist die Bereitschaft der entscheidenden Stakeholder, sich auf den ergebnisoffenen Prozess und die neuen Methoden einzulassen und ein Team, das nicht nach Hierarchie, sondern nach dem Willen und der Fähigkeit den Wandel aktiv mitzugestalten, ausgewählt wurde. Selbst unter den extremen zeitlichen und monetären Restriktionen einer Insolvenz werden sehr gute Ergebnisse erzielt, die den Handlungsspielraum erweitern. Und was sogar für insolvenzreife Unternehmen eine Option darstellt , hat unter günstigeren Voraussetzungen noch höhere Erfolgswahrscheinlichkeiten. 

In einer Zeit, in der eine Vielzahl von Branchen durch Geschäftsmodell-Innovatoren dominiert wird , die mit über Jahrzehnte geltenden Branchenspielregeln gebrochen haben, besteht die Notwendigkeit zur Überprüfung und immer häufiger auch zur Anpassung des eigenen Geschäftsmodells für jeden vorausschauenden Unternehmer.

Turnaround by Innovation“ – Buchalik Brömmekamp & GRANTIRO

Durch unsere enge Zusammenarbeit mit den Grantiro-Experten sind wir in der Lage, Sie bei Ihren Herausforderungen mit innovativen und maßgeschneiderten Lösungen zu unterstützen.

Dipl.Kfm. Harald Kam, Geschäftsführender Gesellschafter, Buchalik Brömmekamp Unternehmensberatung GmbH