Pra­xis­fall: Die Sanie­rung der Pfeif­fer Rei­sen unter Insolvenzschutz

Die Pfeif­fer Rei­sen GmbH & Co. KG in Bad Zwi­schen­ahn ist ein tra­di­ti­ons­rei­ches Bus­un­ter­neh­men mit Schwer­ punk­ten im loka­len und über­re­gio­na­len Lini­en­ver­kehr sowie der loka­len Bus­ver­mie­tung und Tou­ris­tik. Star­kes Wachs­tum und Diver­si­fi­zie­rung in neue Geschäfts­fel­der führ­ten zusam­men mit ande­ren Fak­to­ren zur Zahlungs­ unfä­hig­keit, ohne das Umsatz­ oder Ertrags­proble­me vor­aus­ge­gan­gen wären.

Das Unter­neh­men wur­de bereits 1966 in Bad Zwi­schen­ahn vom Vater des heu­ti­gen geschäfts­füh­ren­den Gesell­schaf­ters Ste­fan Pfeif­fer als Taxi­be­trieb gegrün­det. Damals star­te­te Sieg­fried Pfeif­fer mit einem Taxi. Bald wur­de die Geschäfts­tä­tig­keit auf Bus­trans­por­te im öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr, im Schul­bus­ver­kehr und in der Behin­der­ten­be­för­de­rung (Lini­en­ver­kehr) aus­ge­wei­tet. Nach der Auf­ga­be des Taxi­be­triebs in den 70iger Jah­ren wur­de der Lini­en­ver­kehr suk­zes­si- ve durch die Ver­mie­tung von Bus­sen mit Fah­rern an Ver­ei­ne oder Schul­klas­sen sowie durch tou­ris­ti­sche Aus­flugs­fahr­ten mit dem Bus ergänzt (Miet­bus und Reiseverkehr).

Im Jahr 2009 über­nahm Ste­fan Pfeif­fer die Füh­rung des inzwi­schen als Pfeif­fer Rei­sen GmbH & Co. KG fir­mie­ren­den Unter­neh­mens von sei­nem Vater. Als 2013 die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für ein Fern­bus-Ange­bot im Wett­be­werb zur Deut­schen Bahn geschaf­fen wur­den, erwei­ter­te Ste­fan Pfeif­fer sein Geschäft um den Betrieb von Lang­stre­cken- Bus­li­ni­en für den heu­ti­gen Fern­bus Markt­füh­rer. Dar­über hin­aus bau­te er ab 2014 ein loka­les Tou­ris­tik-Ange­bot mit Ver­mitt­lung von Bus­rei­sen und PKW Ver­mie­tung in einem eige­nen Rei­se­bü­ro auf.

Getrie­ben vor allem durch die Aus­wei­tung des Stamm­ge­schäfts Lini­en­ver­kehr und den Neu­auf­bau der Fern­bus- Akti­vi­tä­ten wuchs Pfeif­fer Rei­sen in den letz­ten drei Jah­ren um jähr­lich 14 Pro­zent auf knapp sechs Mio. Euro Umsatz, 79 KFZ und 140 Mit­ar­bei­ter im Jahr 2015.

Zum ers­ten Mal in der Unter­neh­mens­ge­schich­te muss­te 2015 ein leicht nega­ti­ves Ergeb­nis ver­zeich­net wer­den, ver­bun­den mit einer immer knap­per wer­den­den Liqui­di­tät. Die Ursa­chen dafür waren viel­fäl­tig: Der Inves­ti­ti­ons- und Vor­fi­nan­zie­rungs­be­darf für das star­ke Wachs­tum nahm ver­stärkt Liqui­di­tät in Anspruch. Lohn­kos­ten­stei­ge­run­gen durch das Min­dest­lohn­ge­setz konn­ten nicht zeit­nah an Kun­den wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Dazu kamen grö­ße­re Motor­schä­den und For­de­rungs­aus­fäl­le. Auch das Rei­se­bü­ro finan­zier­te sich wider Erwar­ten nicht aus eige­ner Kraft. Bei bereits aus­ge­schöpf­ten Kre­dit­li­ni­en und signi­fi­kan­ten per­sön­li­che­Bürg­schaf­ten von Ste­fan Pfeif­fer gegen­über Finanz­part­nern und Lie­fe­ran­ten fiel im Janu­ar 2015 die Ent­schei­dung für eine Sanie­rung über ein Insol­venz­plan­ver­fah­ren in Eigenverwaltung.

Beglei­tung durch das Insolvenzplanverfahren

Mit Antrag­stel­lung auf Eigen­ver­wal­tung ergänz­te Sanie­rungs­ge­schäfts­füh­rer Tim Lang­städt­ler aus dem Hau­se Bucha­lik Bröm­me­kamp die Geschäfts­füh­rung der Pfeif­fer Rei­sen, der mit sei­ner spe­zi­fi­schen Erfah­rung bei der rei- bungs­lo­sen Wei­ter­füh­rung des Geschäfts­be­triebs in der Insol­venz­si­tua­ti­on unter­stütz­te. Dazu gehör­te vor allem die regel­mä­ßi­ge und inten­si­ve Betreu­ung und Infor­ma­ti­on des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses sowie die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit allen betei­lig­ten Sta­ke­hol­dern über den Ver­fah­rens­fort­schritt. Bei den Kun­den, Lie­fe­ran­ten und klei­ne­ren Finanz­part­nern war das Pla­nin­sol­venz­ver­fah­ren wei­test­ge­hend unbe­kannt. Auch die Mit­ar­bei­ter wur­den in meh­re­ren Betriebs­ver­samm­lun­gen über das Ver­fah­ren und über ihre arbeits­recht­li­che Situa­ti­on unterrichtet.

Dar­über hin­aus wur­den kurz­fris­tig pra­xis­er­prob­te Metho­den und Instru­men­te zur opti­ma­len Steue­rung des Ver­fah­rens etabliert:

  • eine kurz­fris­ti­ge, rol­lie­ren­de Liquiditätsplanung
  • ein eng getak­te­tes Repor­ting mit wesent­li­chen Kenn- zah­len zur kurz­fris­ti­gen Unternehmenssteuerung
  • die Anpas­sung betrieb­li­cher Abläu­fe an insol­venz- spe­zi­fi­sche Anfor­de­run­gen, z. B. in der Buch­hal­tung und im Einkauf

Mit Finanz­part­nern, Groß­kun­den und Schlüs­sel Lie­fe­ran­ten muss­te über eine Beglei­tung des Ver­fah­rens ver­han­delt wer­den. Dabei ging es in ers­ter Linie um die kon­ti­nu­ier­li­che Belie­fe­rung mit Treib­stoff, den Ver­zicht auf das Zie­hen von per­sön­li­chen Bürg­schaf­ten des Gesell­schaf­ters und um das Auf­recht­erhal­ten bestehen­der Kre­dit­rah­men. Dar­über hin­aus muss­te ein Absprin­gen des ein­zi­gen Auf­trag­ge­ber im Fern­bus­ge­schäft ver­hin­dert und ein Ver­trag über das Fac­to­ring von For­de­run­gen been­det werden.

Leis­tungs­wirt­schaft­li­che Sanierung

Neben der Umset­zung die­ser Sofort­maß­nah­men wur­de bereits im vor­läu­fi­gen Ver­fah­ren ein umfas­sen­des Sanie­rungs­kon­zept ent­wi­ckelt und mit des­sen Umset­zung begon­nen. Aus einer umfas­sen­den Ana­ly­se der Unter­neh­mens­si­tua­ti­on, des Markt und Wett­be­werbs­um­fel­des und der Kri­sen­ur­sa­chen wur­den sowohl ope­ra­ti­ve Sanie­rungs­an­sät­ze und Maß­nah­men abge­lei­tet als auch ein Leit­bild für die Zukunft der Pfeif­fer Rei­sen entwickelt.

Die­ses Leit­bild sieht eine stra­te­gi­sche Fokus­sie­rung auf das Kern­ge­schäft Lini­en­ver­kehr und den Wachs­tums­be­reich Fern­bus­ver­kehr, die Auf­ga­be der Tou­ris­tik Akti­vi­tä­ten und des Rei­se­ver­kehrs sowie eine aus­schließ­lich oppor­tu­nis­ti­sche Bedie­nung des Miet­bus Mark­tes als deckungs­bei­trags­ge­ne­rie­ren­des Rand­ge­schäft ohne dedi­zier­te eige­ne Kapa­zi­tä­ten vor.

  • Im Ver­trieb lie­gen die Schwer­punk­te in der regio­na­len Aus­deh­nung und Ver­brei­te­rung der Kun­den­ba­sis im Lini­en­ver­kehr, der Umsatz­aus­wei­tung und Kos­ten­op­ti­mie­rung im Fern­bus­ver­kehr, der Ver­bes­se­rung der Pro­fi­ta­bi­li­tät durch Preis­an­pas­sun­gen und Aus­bau des Wochen­end­ge­schäf­tes im Miet­bus­ver­kehr sowie in der beglei­ten­den Ein­füh­rung eines Key Account Managements.
  • Im Bereich der Leis­tungs­er­brin­gung dient eine Viel­zahl von klei­ne­ren Ein­zel­maß­nah­men der Stei­ge­rung der Ver­füg­bar­keit und damit der Aus­las­tung der Bus­se, einer ört­lich und zeit­lich fle­xi­ble­ren Ein­setz­bar­keit der ange­stell­ten Fah­rer, der Opti­mie­rung und Ver­jün­gung des Fuhr­parks sowie der Opti­mie­rung der Werkstattkapazitäten.
  • Die kauf­män­ni­sche Kapa­zi­tät und Kom­pe­tenz ist in den letz­ten Jah­ren nicht adäquat mit dem star­ken Umsatz­wachs­tum und den neu­en Geschäfts­ak­ti­vi­tä­ten mit­ge­wach­sen. Auch bei einer stra­te­gi­schen Fokus­sie­rung müs­sen die kauf­män­ni­schen Struk­tu­ren pro­fes­sio­na­li­siert wer­den. Ein neu ein­ge­stell­ter kauf­män­ni­scher Lei­ter wird unter ande­rem ein Con­trol­ling Sys­tem inklu­si­ve Kos­ten­stel­len- und Deckungs­bei­trags­rech­nung auf­bau­en und eine sys­te­ma­ti­sche Preis­kal­ku­la­ti­on instal­lie­ren. Die Lohn und Finanz­buch­hal­tung wird zukünf­tig intern erfolgen.
  • Die Ver­än­de­run­gen im Bereich Orga­ni­sa­ti­on und Per­so­nal zie­len ins­be­son­de­re auf die per­so­nel­len und orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­aus­set­zun­gen ab, die für die nach­hal­ti­ge Umset­zung der Neu­aus­rich­tung erfor­der­lich sind. Wich­ti­ge Ein­zel­maß­nah­men sind hier die Ein­rich­tung einer zwei­ten Füh­rungs­ebe­ne und eine ange­pass­te Fest­le­gung von Zustän­dig­kei­ten und Kompetenzen.

Finanz­wirt­schaft­li­che Sanierung

Im Rah­men des vor­läu­fi­gen Ver­fah­rens wur­de durch das Insol­venz­geld der Bun­des­agen­tur für Arbeit, die Nicht­ab- füh­rung von Sozi­al­ab­ga­ben und der Umsatz­steu­er­zahl­last kurz­fris­tig aus­rei­chend Liqui­di­tät gene­riert, um den Geschäfts­be­trieb fortzuführen.

Der mit Zustim­mung des Gläu­bi­ger­aus­schus­ses im Insol­venz­plan beschlos­se­ne For­de­rungs­ver­zicht der ein­zel­nen Gläu­bi­ger­grup­pen führ­te zu einem steu­er­frei­en Sanie­rungs­ge­winn in Höhe von ca. 1,4 Mio. Euro, mit dem die Eigen­ka­pi­tal­struk­tur des Unter­neh­mens nach­hal­tig gestärkt wurde.

Mit der geplan­ten Quo­ten­zah­lung sind auch die ein­zel­nen Gläu­bi­ger­grup­pen deut­lich bes­ser­ge­stellt, als bei einer Rege­l­in­sol­venz, die vor­aus­sicht­lich zur Zer­schla­gung des Unter­neh­mens geführt hätte.

Unter­neh­men heu­te wie­der markt­fä­hig aufgestellt

Bei Antrag­stel­lung am 18. Janu­ar 2016 war das Unter­neh­men über­schul­det und zah­lungs­un­fä­hig. Am 30. Sep­tem­ber 2016 konn­te das Insol­venz­ver­fah­ren nach nur acht Mona­ten auf­ge­ho­ben und das Unter­neh­men vom bis­he­ri­gen Eigen­tü­mer fort­ge­führt wer­de. Alle wich­ti­gen Geschäfts­be­zie­hun­gen mit Kun­den, Lie­fe­ran­ten und Finanz­part­nern konn­ten auf­recht­erhal­ten wer­den, eben­so blieb die Zahl der Arbeits­plät­ze fast unverändert.

Der detail­lier­te und durch das Sanie­rungs­kon­zept inhalt­lich unter­mau­er­te Busi­ness Plan sieht bis Ende 2018 ein Umsatz­wachs­tum von vier Pro­zent p.a. und die Rück­kehr zu einer bran­chen­üb­li­chen Ren­ta­bi­li­tät vor. Damit ist Pfeif­fer Rei­sen nach­hal­tig wett­be­werbs­fä­hig und für die Zukunft gut aufgestellt.

Zurück zur Übersicht