Prä­mi­en­spar­ver­trä­ge: BGH ebnet Weg für Zins­nach­zah­lungs­an­sprü­che von Verbrauchern 

Im Zins­streit um fle­xi­ble Prä­mi­en­spar­ver­trä­ge, die in der Ver­gan­gen­heit von vie­len Spar­kas­sen und Volks­ban­ken ange­bo­ten wur­den, hat sich der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) mit sei­nem Grund­satz­ur­teil vom 06.10.2021 auf die Sei­te der Ver­brau­cher gestellt. Zins­nach­for­de­run­gen von tau­sen­den Prä­mi­en­spa­rern könn­ten die Fol­ge sein.

  1. Bis­he­ri­ge Praxis

Soge­nann­te Prä­­mi­en- oder Bonus­s­par­ver­trä­ge, also lang­fris­ti­ge Spar­ver­trä­ge mit varia­bler Ver­zin­sung und nach Ver­trags­lauf­zeit gestaf­fel­ten Prä­mi­en, beschäf­ti­gen schon seit län­ge­rem die Gerich­te. Die in den Prä­mi­en­spar­ver­trä­gen jah­re­lang ver­wen­de­ten Zins­an­pas­sungs­klau­seln, die dem Geld­in­sti­tut ein intrans­pa­ren­tes, ein­sei­ti­ges Zins­an­pas­sungs­recht zuspre­chen, wer­den regel­mä­ßig als unwirk­sam, weil unver­ein­bar mit AGB-Recht ange­se­hen. Die hier­durch ent­ste­hen­de Ver­trags­lü­cke muss durch eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung geschlos­sen wer­den. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung ist hier­für bei der Zins­an­pas­sung das anfäng­li­che Äqui­va­lenz­ver­hält­nis zwi­schen dem ursprüng­lich ver­ein­bar­ten Zins und einem Refe­renz­zins bei­zu­be­hal­ten. Die Spar­kas­sen haben als Refe­renz­zins in der Ver­gan­gen­heit soge­nann­te Misch­zin­sen her­an­zo­gen, die sie aus bis zu drei unter­schied­li­chen Zin­sen ande­rer Ver­gleichs­pro­duk­te ein­schließ­lich sol­cher mit nur kur­zer Lauf­zeit gebil­det haben. Die Bei­mi­schung kurz­lau­fen­der Zins­pro­duk­te sorg­te auf­grund des star­ken Zins­rück­gangs in den ver­gan­ge­nen Jah­ren für nicht uner­heb­li­che Ren­di­te­ein­bu­ßen bei den Prämiensparern.

2. Neue Rechtsprechung

Mit Mus­ter­fest­stel­lungs­ur­teil vom 22.04.2020 (Az. XI ZR 234/20) hat das OLG Dres­den sol­chen Misch­zin­sen erst­mals eine Absa­ge erteilt und kon­kre­te Para­me­ter zur Bestim­mung des Refe­renz­z­in­ses bei Prä­mi­en­spar­ver­trä­gen fest­ge­legt. In der Revi­si­ons­in­stanz hat der BGH die­se Fest­stel­lun­gen nun­mehr weit­ge­hend bestä­tigt. Danach ist die Zins­an­pas­sung durch die Bank bei Prä­mi­en­spar­ver­trä­gen fol­gen­den Bedin­gun­gen unterworfen:

  • Als Refe­renz­zins muss ein von der Deut­schen Bun­des­bank erho­be­ner und monat­lich ver­öf­fent­lich­ter Zins­satz für lang­fris­ti­ge Spar­ver­trä­ge ver­wen­det werden.
  • Die Zins­an­pas­sung erfolgt als soge­nann­te „rela­ti­ve“ Anpas­sung; d.h. der anfäng­li­che pro­zen­tua­le Abstand des Ver­­­trags- zum Refe­renz­z­ins­satz muss wäh­rend der gesam­ten Ver­trags­lauf­zeit bei­be­hal­ten werden.
  • Die Zins­an­pas­sung hat monat­lich und ohne Berück­sich­ti­gung einer bestimm­ten Anpas­sungs­schwel­le zu erfolgen.

Dar­über hin­aus hat der BGH fest­ge­stellt, dass Zins­nach­zah­lungs­an­sprü­che der Ver­brau­cher frü­hes­tens ab dem Zeit­punkt der Ver­trags­be­en­di­gung fäl­lig wer­den, sodass die Ver­jäh­rung die­ser Ansprü­che nicht vor Been­di­gung des Prä­mi­en­spar­ver­trags beginnt. Offen­ge­blie­ben ist hin­ge­gen, wel­chen kon­kre­ten Refe­renz­zins die Spar­kas­sen bei der Zins­an­pas­sung zugrun­de legen müs­sen. Hier­zu hat der BGH ent­schie­den, dass das Beru­fungs­ge­richt für die Höhe der varia­blen Ver­zin­sung einen maß­ge­ben­den Refe­renz­z­ins­satz bestim­men muss. Das inso­weit erneut zustän­di­ge OLG Dres­den muss also fest­le­gen, wel­cher Refe­renz­z­ins­satz geeig­net ist.

3. Fazit und Ausblick

Mit sei­nem weg­wei­sen­den Urteil hat der BGH klar­ge­stellt, dass bei der Ver­zin­sung von Prä­mi­en­spar­ver­trä­gen dem zumeist lan­gen Anla­ge­ho­ri­zont der Spa­rer Rech­nung getra­gen wer­den muss und daher ein ent­spre­chend lang­fris­tig aus­ge­rich­te­ter Refe­renz­zins her­an­zu­zie­hen ist. In Betracht kommt dabei ins­be­son­de­re der lei­ten­de Zins­satz der Deut­schen Bun­des­bank WX4260, der auf der Umlauf­ren­di­te inlän­di­scher Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen / Hypo­the­ken­pfand­brie­fen inlän­di­scher Emit­ten­ten mit einer mitt­le­ren Rest­lauf­zeit von neun bis zehn Jah­ren beruht und monat­lich ange­passt wird. In meh­re­ren Par­al­lel­ver­fah­ren haben erst­in­stanz­li­che Gerich­te die­se Zins­rei­he bereits als zuläs­si­gen Refe­renz­zins zugrun­de gelegt und Zins­nach­zah­lungs­kla­gen von Ver­brau­chern statt­ge­ge­ben (LG Duis­burg, Urteil vom 06.09.2021, Az. 3 O 300/20; LG Duis­burg, Urteil vom 27.08.2021; Az. 3 O 301/20; LG Deg­gen­dorf, Urteil vom 24.09.2020, Az. 31 O 232/20; LG Dres­den, Urteil vom 24.09.2020, Az. 9 O 2203/19). Nach dem nun ergan­ge­nen BGH-Urteil dürf­te die Anzahl sol­cher Kla­gen wei­ter stei­gen und zum Teil hohe Nach­zah­lun­gen der Spar­kas­sen zur Kon­se­quenz haben.

Till Sallw­ey, Rechts­an­walt, Fach­an­walt für Bank- und Kapitalmarktrecht

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