Mit der im Febru­ar 2017 ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dung des Gro­ßen Senats des BFH zum sog. Sanie­rungs­er­lass (Beschluss vom 28.11.2016, GrS 1/15) ver­sag­ten die Rich­ter die Steu­er­frei­heit eines Sanie­rungs­ge­winns, der durch Schul­d­er­lass zum Zwe­cke der Sanie­rung ent­steht, wenn die­ser aus­schließ­lich auf der Basis eines Schrei­bens des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen (BMF-Schrei­­ben) erfolgt. Zur Begrün­dung führt der BFH aus, dass ein Steu­er­erlass man­gels gesetz­li­cher Grund­la­ge gegen den Grund­satz der Gesetz­mä­ßig­keit der Ver­wal­tung ver­sto­ße (Art. 20 Abs. 3 GG). Für lau­fen­de, aber auch für bereits abge­schlos­se­ne Sanie­run­gen ist hier­durch eine gro­ße Rechts­un­si­cher­heit entstanden.

Der Gesetz­ge­ber hat dar­auf sehr schnell reagiert und bereits Ende April 2017 die gesetz­li­chen Grund­la­gen in § 3a EStG und § 7b GewStG ver­ab­schie­det, um die Steu­er­frei­heit des Sanie­rungs­er­trags zu regeln. Alle ab dem 09.02.2017 ver­wirk­lich­ten Fäl­le wer­den auch mit Wir­kung für die Gewer­be­steu­er von der neu­en gesetz­li­chen Rege­lung erfasst.

Fer­ner wur­de „im Vor­griff auf eine gesetz­li­che Rege­lung“ ein BMF-Schrei­­ben vom 27.04.2017 ver­öf­fent­licht. Die­ses Schrei­ben dif­fe­ren­ziert zunächst danach, ob der Schul­den­er­lass bis ein­schließ­lich 08.02.2017 (Tag der Ver­öf­fent­li­chung des BFH-Beschlus­­ses) oder erst danach voll­zo­gen wor­den ist. Im ers­ten Fall ist der Sanie­rungs­er­lass wei­ter­hin unein­ge­schränkt anwend­bar. Im zwei­ten Fall (d.h. kein Voll­zug des Schul­den­er­las­ses bis ein­schließ­lich 08.02.2017) ist wei­ter danach zu dif­fe­ren­zie­ren, ob und bis wann das zu sanie­ren­de Unter­neh­men vom Finanz­amt eine ver­bind­li­che Aus­kunft oder Zusa­ge über die Steu­er­frei­heit des Sanie­rungs­ge­winns erhal­ten hat oder nicht.

Dahin­ter steckt zunächst eine gute Idee: Da kla­rer poli­ti­scher Wil­le in Ber­lin die Steu­er­be­frei­ung des Sanie­rungs­ge­winns ist, soll Unter­neh­men ermög­licht wer­den, die­se schon vor dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes zu nut­zen („im Vor­griff“). Kon­kret sieht die wei­te­re Vor­ge­hens­wei­se der Pra­xis wie folgt aus:

  • Falls das Gesetz wie geplant in Kraft tritt, wäre die schon erteil­te ver­bind­li­che Aus­kunft zu wider­ru­fen. Dies ist jedoch kein Nach­teil, da in die­sem Fall ohne­hin die ab dem 8.02.2017 rück­wir­ken­de Steu­er­be­frei­ung ein­tritt. Aber: Dann wer­den für die­se Fäl­le auch die (sämt­li­chen) Vor­aus­set­zun­gen der neu­en Geset­zes­re­ge­lung zu beach­ten sein. Wer die neue gesetz­li­che Rege­lung heu­te schon mit Hil­fe der Über­gangs­re­ge­lung in Anspruch neh­men will, soll­te daher beach­ten, in sei­nem Antrag auf Ertei­lung der ver­bind­li­chen Aus­kunft dar­zu­le­gen, dass er auch die Vor­aus­set­zun­gen der neu­en gesetz­li­chen Steu­er­be­frei­ung erfüllt.
  • Eben­falls zu wider­ru­fen ist, wenn die EU-Kom­­mis­­si­on die behil­fe­recht­li­che Frei­ga­be der neu­en gesetz­li­chen Rege­lung ver­sagt. Dann wird das Gesetz zur Steu­er­frei­heit es Sanie­rungs­ge­winns nicht in Kraft tre­ten, der Steu­er­pflich­ti­ge wür­de nach­träg­lich so behan­delt, als ob es bei der Nicht-Anwen­d­­bar­­keit des Sanie­rungs­er­las­ses geblie­ben wäre.
  • Glei­ches gilt, wenn bis zum 31.12.2018 kei­ne Ent­schei­dung der EU-Kom­­mis­­si­on bzgl. der Ver­ein­bar­keit mit den Bei­hil­fe­re­geln vor­liegt. Der Gesetz­ge­ber scheint aber davon aus­zu­ge­hen, dass eine Ent­schei­dung der EU-Kom­­mis­­si­on recht­zei­tig erlangt wer­den kann.

Am 29.03.2018 wur­de sodann ein sog. Nicht­an­wen­dungs­er­lass bzgl. der BFH-Urtei­­le vom 23.08.2017 (I R 52/14 und X R 38/15) ver­öf­fent­licht. Der BFH hat­te ent­schie­den, dass der sog. Sanie­rungs­er­lass des BMF, durch den Sanie­rungs­ge­win­ne steu­er­lich begüns­tigt wer­den soll­ten, auch bei Fäl­len, die vor dem 09.02.2017 ver­wirk­licht wur­den, nicht ange­wen­det wer­den darf. Das BMF ver­füg­te nun, dass die Grund­sät­ze die­ser Urtei­le nicht über die ent­schie­de­nen Ein­zel­fäl­le hin­aus anzu­wen­den sind. Die Finanz­ver­wal­tung sieht sich viel­mehr an die mit BMF-Schrei­­ben vom 27.04.2018 ver­öf­fent­lich­te Ver­trau­ens­schutz­re­ge­lung im Umgang mit Alt­fäl­len (Schul­den­er­lass bis ein­schließ­lich 08.02.2017) durch den Wil­len des Gesetz­ge­bers wei­ter­hin gebun­den. Dem­nach ist für Schul­d­er­las­se bis (ein­schließ­lich) zum 8.02.2017 aus Ver­trau­ens­schutz­grün­den ent­spre­chend dem sog. Sanie­rungs­er­lass zu verfahren.

Dies bedeu­tet, dass für die Alt­fäl­le hin­sicht­lich der Gewer­be­steu­er wei­ter­hin die hebe­be­rech­tig­te Kom­mu­ne für die Ent­schei­dung über eine Befrei­ung zustän­dig ist. Der Kom­mu­ne ist, wenn das Finanz­amt den Sanie­rungs­er­lass anwen­det, der Hand­lungs­spiel­raum eröff­net, eben­falls einen Ver­zicht auf die Steu­er aus­zu­spre­chen. In der Pra­xis ist weit über­wie­gend fest­zu­stel­len, dass die Kom­mu­nen zumin­dest in Fäl­len einer gelun­ge­nen Sanie­rung der Finanz­ver­wal­tung fol­gen. Die Recht­spre­chung der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit, die den Ermes­sens­spiel­raum der Kom­mu­nen betont, bezieht sich typi­scher­wei­se auf Fäl­le der geschei­ter­ten Sanierung.</div><div>Die bei­hil­fe­recht­li­che Ent­schei­dung der EU-Kom­­mis­­si­on bezüg­lich der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung der Steu­er­frei­heit von Sanie­rungs­er­trä­gen (§ 3a EStG und §7b GewStG) steht wei­ter­hin aus.

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